Silvester im Erzgebirge

Silvester im Erzgebirge: Aberglauben, Bräuche & Tradition

Um die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester ranken sich im Erzgebirge viele Mythen und Aberglauben. Die oft merkwürdig klingenden Geschichten sind viele Jahrhunderte alt. Sie stammen aus der Zeit der erzgebirgischen "Erstbesiedlung" (ab etwa 1170 n.Chr.) sowie aus dem "Zweiten Berggeschrey" von etwa 1450. Somit orientieren sie sich am julianischen Kalender. Viele Aberglauben hören sich in der heutigen Zeit ziemlich verwirrend an. Seit der Kalenderreform von 1582 passen diese Mythen auch zeitlich nicht mehr in den gregorianischen Kalender. (Lesen Sie dazu mehr unter "Geschichtliches".)

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Nur noch wenige, meist ältere Gebirgsbewohner, kennen die alten erzgebirgischen Aberglauben und Bräuche noch. Leider muss man feststellen, dass ein großer Teil der alten Überlieferungen mit dem Niedergang des Bergbaus, erst recht im Zeitalter der Technisierung und der höheren Bildung, bereits verloren gegangen sind. Es liegt daran,
  • dass es sehr viele und regional begrenzte Bräuche gibt,
  • das Erzgebirge sehr groß ist,
  • sich in der Vergangenheit kaum jemand die Mühe machte, das erzgebirgische Brauchtum detailliert, umfassend und "überregional" schriftlich aufzuzeichnen,
  • und es nicht dem aktuellen Trend entspricht, sich mit Aberglauben und traditionellem Brauchtum zu beschäftigen.

Auf Grund der Größe des Erzgebirges kannten viele Osterzgebirger die Bräuche und Aberglauben im Westerzgebirge nicht und umgekehrt. Man muss sich nur vor Augen halten, dass jeder Erzgebirger seinem Tagwerk nachgehen, sein Vieh regelmäßig füttern und melken musste und somit gar nicht in der Lage war, eine mehrtägige Reise zu Pferde an das andere Ende des Gebirges zu unternehmen. "Tourismus" kam erst auf, als es schnellere Fortbewegungsmittel gab. Die ersten "Touristen" waren hauptsächlich besser gestellte Menschen aus der Stadt ohne Verpflichtungen für Haus, Hof und Tiere.

Nachtrag zu Moritz Spieß "Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges" Königliche Hofbuchhandlung H. Burdach, Dresden 1862

Die jüngeren Generationen führen die noch erhaltenen, erzgebirgischen Aberglauben mit gesunder Distanz und viel Humor weiter, um ihre Herkunft, das erzgebirgische Brauchtum und die Traditionen zu pflegen. Als besonders lustiges Beispiel sei das traditionelle "Katzenwiegen" im osterzgebirgischen Voigtsdorf erwähnt. Jeden Herbst werden, bei einem gut besuchten Volksfest, die Katzen des Dorfes gewogen. Man will damit herausfinden, wie streng der kommende Winter wird. Je schwerer die Katzen, umso kälter soll der darauf folgende Winter werden.

Der Kampf gegen die Natur, um das eigene Überleben, prägte unsere Vorfahren und auch die heutigen Einheimischen. Man litt jahrhundertelang unter großer Not, Kriegen, Missernten, Unwettern, Ausrottung und Vertreibung, Krankheiten und Existenzangst.

Viele Bräuche und Aberglauben zu Silvester handeln im Erzgebirge von der Zukunft, dem Wunsch nach Gesundheit und der Sehnsucht nach einem geringen Wohlstand.

Man klammerte sich an Mythen und Aberglauben, in der Hoffnung, dass das kommende Jahr besser und lebenswerter sein würde und ein wenig Wohlstand bringen solle. Die eher bescheidenen Wünsche nach ausreichend Nahrung oder dem Wohlgedeien des eigenen Viehbestandes sind Ausdruck der früher herrschenden Armut.

Die wichtigsten erzgebirgischen Aberglauben und Bräuche zur Silvesternacht:

Silvester im Erzgebirge - Seiffen Hotel Bleigießen: Bleigießen zu Silvester ist im Erzgebirge eine phantasievolle Art und Weise, die Zukunft vorherzusagen. Das Blei wurde geschmolzen und mit einem kleinen Löffel in kaltes Wasser geschüttet. Die zufällig geformten, durch Erstarrung des flüssigen Metalls entstehenden Metallstücke wurden gedeutet und als Vorboten des Schicksals betrachtet. Wie sich die beim Schmelzen entstehenden Bleidämpfe auf die Gesundheit der Erzgebirgsbewohner ausgewirkt haben, ist nicht überliefert. Aus heutiger Sicht ist diese alte Tradition ein Beweis dafür, dass man früher nicht unbedingt gesünder gelebt hat.

Zinngießen: In einigen Regionen nimmt man statt des reinen Bleis eine Legierung aus Zinn und Blei, um die Zukunft vorherzusagen.

Die Karpfenschuppe: Eine große Schuppe des Silvesterkarpfens gehört beim waschechten Erzgebirgler ins Portemonnaie. Nach altem Aberglauben soll sie ihm im neuen Jahr Glück und vor allem Geld bringen.

Der Karpfen-"Knochen" ist in einigen Regionen des Erzgebirges mit dem gleichen Aberglauben wie die Karpfenschuppe belegt.

Die "12 Hohen Tage":

Silvester im Erzgebirge - Skilift Hotel Durch die Differenz zwischen julianischem und gregorianischem Kalender sowie dem früheren Neujahrstag am 6. Januar ergeben sich vom Weihnachtstag am 24. Dezember bis zum Neujahrstag genau 12 "hohe" Tage. Jeder Tag steht für einen Monat des zukünftigen Jahres. (Lesen Sie dazu mehr unter "Geschichtliches".)

Die 12 Hohen Tage werden auch als Unternächte, Rauhnächte, Internächte, Zwischennächte, Innernächte, Lostage usw. bezeichnet. Gemeint ist immer der gleiche Zeitraum, auch wenn die Bezeichnung von Ort zu Ort verschieden ist. Die Unternächte spielen in der erzgebirgischen Mythologie eine überragende Rolle. Eine Reihe von Verboten, Weissagungen und Regeln sind mit diesen 12 Tagen und Nächten verbunden, ohne dass heute jemand begründen kann, warum das so ist.

Da ab Weihnachten der Bergbau ruhte und die Erzgebirger im Mittelalter sehr religiös und abergläubisch waren, fürchtete man sich wahrscheinlich vor der Verschiebung des Datums von Christi Geburt um 12 Tage durch eine Kalenderreform. Möglicherweise kommen dort all jene Aberglauben her - denn nur wenige Mythen, die mit den Unternächten zusammenhängen, verheißen Gutes.

Nach erzgebirgischem Brauch ist es in den Unternächten verboten, Bettwäsche zu waschen oder gar Wäsche aufzuhängen. Der Hausboden darf nicht mit Wäsche zugehängt werden, "damit die Engel in der Silvesternacht tanzen können" (Nach einer Information aus Nassau im Erzgebirge). Sollte dort noch Wäsche aus der Vorweihnachtszeit hängen, so muß diese vor der Silvesternacht unbedingt entfernt werden.

In der westerzgebirgischen Gegend um Annaberg ist es nicht der Dachboden, sondern die Scheunentenne. Sie muß zu Silvester leergefegt sein - aus dem gleichen Grund wie im osterzgebirgischen Nassau.

Wird in den Unternächten Porzellan zerschlagen, so soll der Verursacher in jenem Monat, welcher zu diesem Tag gehört, großes Unheil erleben. Meist geht es bei dieser Prophezeiungen um den eigenen Tod oder den Tod eines Angehörigen.

Was man in den Unternächten träumt, wird in dem zur Nacht gehörigen Monat geschehen.

Das Wetter des kommenden Jahres wird anhand des Wetters der 12 Tage und Nächte vom 24.12. bis 6.1. vorhergesagt.

Bibelstechen: Das Bibelstechen ist eine Beschäftigung zum Silvesterabend. Man schnitzt einen Holzspan an einem Ende flach, so dass man ihn zwischen die Seiten einer geschlossenen Bibel schieben kann. Die zufällig ausgewählte Seite soll in ihrem Text einen Hinweis auf das persönliche Schicksal im kommenden Jahr geben.

Neunerlei, auch "Neinerlaa": Die Auswahl der erzgebirgischen Speisen am Silvesterabend muß aus mindestens 9 Zutaten bzw. Gängen bestehen, von denen jede eine Bedeutung hat:
  • Klö&zlig;e, Fisch, Hirse und Linsen bringen Geld
  • Milch, Heidelbeeren, Erdbeeren oder Buttermilch sollen für Gesundheit in neuen Jahr sorgen
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In manchen Regionen des Erzgebirges wird zu Weihnachten "Neunerlei" gegessen, in anderen zu Weihnachten und Silvester.

Im Erzgebirge wird zu Weihnachten, in manchen Gegenden auch zu Silvester, ein Gedeck mehr auf den Tisch gestellt, welches aber nicht mit Speisen gefüllt wird. Es ist entweder für Verstorbene, die Armen oder den heiligen Geist vorgesehen - auch wieder von Ort zu Ort und von Familie zu Familie verschieden.

In manchen Orten oder Familien bleibt das Essen die ganze Silvesternacht auf dem Tisch stehen. Gleichzeitig stellt man zu den Speisen noch Brot und Salz auf den Tisch. Die Gründe liegen im gleichen Aberglauben wie beim zusätzlichen Gedeck.